Die Fachtagung Alter in Liestal vom 15. September 2025 in Liestal
Der Seniorenrat Baselland als Dachorganisation der Verbände Graue Panther, Kantonalverband der Altersvereine BL, Seniorenverband Nordwestschweiz, Novartis Pensionierten Vereinigung und Avivo Region Basel lud zusammen mit dem Baselbieter Amt für Gesundheit Fachleute und Interessierte am 15. September zu einer „Fachtagung Alter“ unter obigem Titel in den Martinshof Liestal ein. 80 Personen folgten der Einladung.
Bevor es zu den Fachreferaten ging, appellierte Regierungsrat Thomi Jourdan an die Verantwortung aller im Umgang mit älteren Menschen. So wie sie Kinder unterstützen und ihnen bei Bedarf Hilfe anbieten, sollen sie sich mit dieser Empathie auch gegenüber älteren Menschen verhalten.
Drei Universitätsprofessoren reflektierten aus ihren Fachgebieten Medizin und Pharmazie das Thema Gesundheitskompetenz, bei dem es nicht nur um den Umgang mit Krankheiten und Gebrechen geht, sondern um Lebenskompetenz.
Prof. Andreas Zeller, Hausarzt und Leiter Universitäres Zentrum für Hausarztmedizin beider Basel, ging auf die übergeordnete Frage der Tagung ein, ob es Anstrengungen braucht, um die Gesundheitskompetenz im Alter zu steigern. Er bejahte diese Frage mit der Begründung, gerade, weil das Ziel nicht eine verminderte Mortalität bzw. Erhöhung der Lebenserwartung ist, sondern die Lebensqualität der verbleibenden Jahre zu steigern bzw. zu erhalten angestrebt werden muss. Das schaffe für die Person selber und auch für deren Angehörige einen relevanten Mehrwert.
Konkret wirken sich diese Anstrengungen so aus, dass Überdiagnostik und -therapie vermieden werden können. Intentionen sind u. a., die Mobilität zu verbessern und das Sturzrisiko zu minimieren. Weitere Ziele sind weniger Mangelernährung, weniger Pflegekosten, weniger Heimeinweisungen und geringere medizinische und soziale Folgekosten.
Das Plädoyer von Referent Prof. Andreas Zeller lautete: „Für die Förderung der Gesundheitskompetenz ist es nie zu spät!“ und er führte konkret aus: Die Lebensqualität ist die subjektive Einschätzung, wie gut jemand sein Leben empfindet. Im Alter betrifft dies insbesondere Selbständigkeit und Autonomie, zu Hause zu sein, Mobilität, soziale Kontakte, Interaktion mit der Umgebung (hören, sehen, riechen, essen), Schmerzkontrolle, Kognition erhalten und auch die Sicherheit im Falle eines Notfalls.
Bedürfnisse, Wünsche und Vorstellungen von Ü75-Menschen
Eine Erfassung der gesundheitlichen und sozialen Bedürfnisse, Wünsche und Vorstellungen für die Zukunft von Ü75-Menschen, die im Kanton Basel-Landschaft zu Hause leben, ergaben folgendes Bild:
- 75% der Ü75-Personen sind fit, aber auch jede 4. Person ist gebrechlich.
- Erwünscht ist, solange wie möglich zu Hause leben zu können. Hierfür nehmen die Seniorinnen und Senioren auch Hilfe in Anspruch (Spitex, Mahlzeiten, mehr Hausarztbesuche).
- Hör- und Sehprobleme sind häufig bzw. sehr häufig.
- Die Einsamkeit ist eine unterschätzte Problematik dieser Altersgruppe.
- Polypharmazie (Definition der WHO: gleichzeitiger und regelmässiger Gebrauch von vier oder mehr Arzneimitteln) und Compliance mit Tabletten und ebenso Probleme mit der Gedächtnisfunktion bei gebrechlichen Menschen sind augenscheinlich.
Prof. Samuel Allemann, Assistenzprofessor für Pharmaceutical Care, Universität Basel, ging spezifisch auf die Thematik Polypharmazie ein und differenzierte mit folgenden Kernaussagen:
- Polypharmazie ist häufig und betrifft 60% der Menschen über 76 Jahre in der Schweiz.
- Unangemessene Polypharmazie erhöht das Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen und Hospitalisierungen.
- Der Umgang mit Polypharmazie erfordert interprofessionelle Zusammenarbeit und Einbezug der Patientinnen und Patienten.
- Ein aktueller (elektronischer) Medikationsplan ist Voraussetzung für ein gutes Medikationsmanagement.
- Interprofessionelle Qualitätszirkel können die Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsfachpersonen verbessern und ein gemeinsames Verständnis für Medikationssicherheit aufbauen.
- Regelmässige Medikationsanalysen und Schulungen zum Umgang mit Medikamenten und der Einsatz von verschiedenen Hilfsmitteln können unangemessene Polypharmazie reduzieren.
Prof. Dr. med. Andreas Zeller, Leiter Universitäres Zentrum für Hausarztmedizin beider Basel führte Erwartungen von älteren Menschen an Hausärztinnen und Hausärzten auf:
- Ehrliche Informationen über Krankheiten
- Betreuung mit dem Ziel, zu Hause bleiben zu können
- Patientinnen/Patienten müssen ernst genommen werden
- Gemeinsame Entscheidungsfindung
- Guter Kontakt zu den Angehörigen
- Ich sollte eine richtige Diagnose stellen können
- Regelmässige Konsultationen / Hausbesuche
Besonderheiten der Beziehung der Hausärzte und Hausärztinnen zu älteren Menschen sind:
- Häufige Inanspruchnahme
- Langfristige Betreuung
- Die Betreuung nimmt mit dem Alter an Intensität zu
- Es gibt schwerwiegende und existentiell bedrohliche Erkrankungen
- Verflechtung von krankheits- und lebensbezogener Beratung
- Die kognitive Leistungsfähigkeit und die Urteilsfähigkeit können beeinträchtigt werden
- (Unterschiedliche) Meinungen von Bezugspersonen
Was ist Gesundheitskompetenz?
Für Prof. Frank Wieber, stv. Leiter Forschung am Institut für Public Health, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, stehen im Vordergrund:
- Das Suchen, Finden, Verstehen, Anwenden und darüber hinaus auch das kritische Hinterfragen, das informierte Entscheiden für sich oder andere, das Selbstmanagement chronischer Erkrankungen, aber auch das Schaffen einfacher Zugänge und Orientierungsmöglichkeiten bei Gesundheitsangeboten
- Die Frage, wie ist es um die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in der Schweiz und insbesondere bei älteren Menschen bestellt ist: 45–60% der Bevölkerung haben eine problematische oder unzureichende Gesundheitskompetenz. Besonders betroffen: Ältere, chronisch Kranke, Menschen mit niedriger Bildung
- Warum ist die Gesundheitskompetenz gesellschaftlich so relevant? Hintergründe hierbei sind z.B. häufige Herausforderungen für ältere Menschen wie Medikamentenpläne bei Multimorbidität, digitale Angebote wie Online-Terminbuchungssysteme oder Fachkommunikation, die sich auf die Gesundheit auswirken
- Welche ähnlichen Konzepte gibt es, die auch bedeutsam sind, z.B. digitale Gesundheitskompetenz, psychische Gesundheitskompetenz oder organisationale Gesundheitskompetenz?
Eine wesentliche Thematik für den Umgang mit der Gesundheitskompetenz als Schlüssel zur Selbstbestimmung im Alter sind für involvierte Fachleute unter anderem auch folgende Herausforderungen:
- Wie kann ich eingeschränkte Gesundheitskompetenz erkennen?
- Wie verarbeite ich Warnhinweise – wie erkenne ich „red flags“ von eingeschränkter Gesundheitskompetenz?
- Die Gestaltung der Beratung und der Kommunikation bedeutet: Passende Strukturen für ein Beratungsgespräch auswählen und die Klärung der Fragestellungen: wie erreiche ich vulnerable Zielgruppen unter kultursensibler Berücksichtigung, wie kann ich Herausforderungen bei der Erstellung von Gesundheitsinformationen verstehen?
Podiumsgespräch
Teilnehmende waren die drei Referenten Professoren Wieber, Zeller und Allemann sowie Irene Renz, Leiterin Abteilung Gesundheitsförderung, Amt für Gesundheit, und Claudia Aufdereggen, Geschäftsleiterin Spitex Regio Liestal.
Claudia Aufdereggen betreut mit der Spitex jüngere und ältere Patientinnen und Patienten. Unter Letzteren sind auch sehr alte multimorbide Menschen, denen täglich zehn und mehr Medikamente verschrieben worden sind. Das Management dieser Medikamente sei sehr zeitaufwendig und die Schnittstellen zwischen Spital, Spezialisten und Hausärztinnen und Hausärzten aufreibend. Prof. Frank Wieber präzisierte, dass bei Übertritten vom Spital zurück in die Hausarztpraxis Informationen untergehen, weil diese zu diesem Zeitpunkt noch keine Kenntnisse vom Austrittsbericht haben. Wieber propagierte als Ideallösung eine Standleitung, die den Austausch mit dem Spital zeitnah ermöglicht.
Als weiteres Thema wurde in der Diskussion unter anderem der Umgang mit Internetinformationen aufgenommen. Die Referenten sahen durchaus auch positive Aspekte, wenn Patientinnen und Patienten googeln. Damit zeigen sie Interesse an der Behandlung, wichtig sei aber, dass diese Informationen gemeinsam mit der Ärzteschaft eingeordnet werden.
Die Hoffnung wurde geäussert, dass die künstliche Intelligenz der Behandlungen künftig vermehrt seriösen Support bieten kann, beispielsweise beim Erfassen von Daten.
Bildlegende: Regula Meschberger, Co-Präsidentin der Grauen Panther Nordwestschweiz, als Moderatorin an der Fachtagung Alter in Liestal.
Foto: Eric Francotte
